Herzlich Willkommen!
Als lokaler Förderverein sind wir ausschließlich in der Stadt Oldenburg aktiv.
Unser Fokus:
Wir unterstützen Schulprojekte mit bildungsbezogenen, sozialen und inklusiven Inhalten und Zielsetzungen.
Unser Ziel:
Schüler*innen mit bildungsfernem Hintergrund den Schulabschluss erreichbarer werden zu lassen.
Schulen im Blick:
Oberschulen, IGS (Klasse 5 - 10), Förderschulen und Berufsbildende Schulen.
Hier ein interessanter Bericht über Schulabbrecher!
Die ZEIT Nr. 44/2025 von Johanna Schoene
Nichts gelernt?
Es ist eine unvorstellbar hohe Zahl, gerade in Zeiten des Fachkräftemangels: 62.000 junge Menschen haben im Jahr 2023/24 in Deutschland die Schule ohne Abschluss verlassen. So viele Schulabbrecher gab es seit zehn Jahren nicht mehr. Vor ein paar Tagen sorgte diese Nachricht für Aufregung. Die BSW-Vorsitzende Sahra Wagenknecht sprach von einem »Fußballstadion mit Schülern ohne Abschluss«.
Die Zahl bleibt hoch, auch wenn man sie ins Verhältnis zur gesamten Schülerschaft an allgemeinbildenden Schulen setzt: Die Abbrecherquote ist demnach von 5,5 Prozent im Schuljahr 2013/14 auf 7,8 Prozent zehn Jahre später gestiegen. Das sind im Durchschnitt zwei Kinder pro Klasse, wenn man von einer Klassenstärke von 26 Schülerinnen und Schülern ausgeht. Zwei Kinder pro Klasse!
Bildungsministerin Karin Prien, CDU, will das ändern. Kurz nach ihrem Amtsantritt im Mai sagte sie: »Bund und Länder müssen darüber sprechen, die Quote bis 2035 zu halbieren.« Aber wie realistisch ist dieses Vorhaben? Und wie besorgniserregend sind die aktuellen Zahlen überhaupt? Eine Einordnung:
62.000 Schulabbrecher – wie setzt sich diese Zahl zusammen?
Ein Großteil der jungen Menschen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, kommt aus Förderschulen. Im Jahr 2023/24 waren es fast 40 Prozent. Viele dieser Schülerinnen und Schüler haben einen Förderschwerpunkt Lernen oder geistige Entwicklung – früher hätte man von einer Lernbehinderung gesprochen. Oft ist für sie institutionell gar nicht vorgesehen, einen ersten Schulabschluss zu erreichen. Der Rest der Jugendlichen, die ohne Abschlusszeugnis dastehen, stammen überwiegend aus Schulformen, die mehrere Abschlüsse anbieten, erst dann folgen Hauptschulen und zuletzt Realschulen, Gymnasien und Waldorfschulen.
Jungen sind stärker von dem Problem betroffen als Mädchen, sie machen 60 Prozent der Schulabbrecher aus. Ebenfalls überrepräsentiert in dieser Zahl sind Jugendliche mit ausländischer Staatsbürgerschaft: Ihr Anteil liegt bei 32 Prozent. Der Nationale Bildungsbericht 2024 wies bereits darauf hin, dass sich seit 2013 eine Verschiebung zeigt, wenn man die Schulabbrüche nach Staatsangehörigkeit betrachtet. Bis dahin lag der Anteil der Jugendlichen mit einer anderen Staatsangehörigkeit bei 20 Prozent.
Wie dramatisch ist dieser Höchststand?
Um die aktuelle Zahl zu bewerten, muss man einen längeren Zeitraum betrachten. Dabei zeigt sich, dass Schulabbrecherquoten dieser Größenordnung in Deutschland ein anhaltendes Problem darstellen. 2006 lag der Anteil der Jugendlichen, die die allgemeinbildende Schule ohne Abschluss verließen, sogar noch höher als heute: bei acht Prozent.
2008 versprach die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zusammen mit den Ministerpräsidenten der Länder auf dem Dresdner Bildungsgipfel, die Zahl der Schulabbrecher binnen fünf Jahren halbieren zu wollen. Bis 2013 konnte die Zahl tatsächlich gesenkt werden, verfehlte aber das Ziel von vier Prozent – und steigt seitdem wieder an. Eine Ausnahme bilden die Coronajahre, die wegen vielfacher Sonderregelungen schwer vergleichbar sind.
Dass es sich um eine kontinuierliche Entwicklung handelt, ist jedoch kein Grund zur Beruhigung. Kai Maaz, Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF), weist zudem darauf hin, dass Schülerinnen und Schüler, die während des Schuljahrs abgegangen sind, in der amtlichen Statistik unberücksichtigt bleiben: »Wir kennen die reale Zahl der Schulabbrecher gar nicht und unterschätzen darum das Problem.«
Dass 2023/24 besonders viele Jugendliche ohne Abschluss geblieben sind, erstaunt Maaz nicht. Das sei die Konsequenz der nachlassenden Kompetenzen, die sich seit Jahren in den großen Bildungsstudien zeigen.
Aus welchen Gründen machen die Jugendlichen keinen Abschluss?
Die naheliegende Annahme: Den Betroffenen fehlen die kognitiven Fähigkeiten, um die schulischen Grundkenntnisse wie Rechnen, Schreiben, Lesen, die man nun mal für einen ersten Schulabschluss braucht, ausreichend zu erlernen. Oder aber es mangelt ihnen an nichtkognitiven Fähigkeiten, wie Motivation, Kritikfähigkeit, Zuverlässigkeit. Beides trifft auf viele Schülerinnen und Schüler zu, die am Ende ohne ein Abschlusszeugnis in der Hand dastehen, aber längst nicht auf alle. »Das ist keinesfalls eine homogene Gruppe von Schülern«, sagt Heike Solga, Bildungsforscherin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Sie verweist auf Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), für das Schüler der Klasse neun ab dem Jahr 2010 jährlich befragt wurden.
Im Schnitt wiesen die Schulabbrecher zwar eine geringere Mathe- und Lesekompetenz auf, auch das schlussfolgernde Denken war weniger ausgeprägt. Doch die Daten zeigten auch, dass sich ein erheblicher Teil der Schulabbrecher in diesen Kompetenzwerten eben nicht unterscheidet von Jugendlichen, die erfolgreich einen ersten oder sogar einen mittleren Abschluss machen. In ihrer Sozialkompetenz und ihrer beruflichen Motivation standen sie ihnen teilweise ebenfalls in nichts nach. Neben den eigenen Fähigkeiten spielten auch soziale Ressourcen eine wichtige Rolle, sagt Solga, »Bildungsarmut wird vererbt«. So befinden sich unter den Jugendlichen ohne Abschluss überdurchschnittlich viele, deren Eltern außerhalb Deutschlands geboren wurden oder selbst nur eine niedrige Schulbildung haben.
Was geschieht mit den Schulabbrechern?
Die Mehrheit der Jugendlichen landet im sogenannten Übergangssektor. Eine Umschreibung für berufsvorbereitende Maßnahmen, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Manche rücken praktische Erfahrungen ins Zentrum, andere das Nachholen schulischer Bildung. Die gute Nachricht: Bei fast einem Drittel der Jugendlichen klappt das. Laut der NEPS-Auswertung hatten 30 Prozent der ehemaligen Abbrecher vier Jahre später einen Abschluss.
»Es ist ein großer Vorteil, dass wir in Deutschland dieses Berufsbildungssystem haben und zweite und dritte Chancen bieten«, sagt Solga. Andererseits betont die Arbeitsmarktforscherin, dass Menschen, die trotz dieses ausgeklügelten Systems ohne Abschluss bleiben, viel stärker ausgeschlossen und marginalisiert werden als in Ländern, in denen es keine vergleichbaren Ausbildungen gibt und alle on the job lernen.
Bei etwa jedem zweiten Schulabbrecher gelingt der Übergang in eine Ausbildung nicht. Für diese Jugendlichen bleibt dann nur die nächste vorbereitende Maßnahme, eine prekäre Beschäftigung oder die Arbeitslosigkeit.
Und nun?
Das Bildungsministerium bekräftigt auf Nachfrage, dass man mit den Ländern für die nächsten zehn Jahre messbare Bildungsziele vereinbaren wolle. Die Halbierung der Zahl der Schulabbrecher sei dabei ein wichtiger Indikator. Schulen sollten in die Lage versetzt werden, besser auf die Heterogenität im Klassenzimmer zu reagieren. Außerdem müsse in die frühkindliche Bildung investiert werden.
Um jedoch zu verhindern, dass weiterhin 40 Prozent der Schulabbrecher von den Förderschulen kommen, müsste man diese Schulform radikal anders denken – und so verändern, dass dort nennenswert mehr Abschlüsse ermöglicht werden. Denn sonst würde das Ziel, dass nur noch halb so viele Jugendliche ohne Abschluss von der Schule gehen, bedeuten: An den allgemeinbildenden Schulen dürfte es fast keine Abbrecher mehr geben.
Nicht nur entsprechend der Schulform, auch je nach Bundesland fallen die Zahlen unterschiedlich aus. In Sachsen-Anhalt etwa bleiben mehr als doppelt so viele Schüler ohne Abschluss wie in Bayern. Wie wär’s, schlägt Bildungsforscher Maaz vor, wenn sich die Länder dazu einmal austauschten? Solange es 16 Bildungssysteme gibt, hält er die Halbierung der Abbrecherzahlen für nicht realisierbar. Dennoch begrüßt Maaz das hochgegriffene Ziel: »Vielleicht rüttelt das die Menschen wach.«
https://epaper.zeit.de/article/208bc2951b34f73a65a9a9b93656d5fcd5e918085233ff50537170a628b4365a
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